SVEN SCHARFENBERG

ROSES

19.06. - 24.07.2026

kleine gegenwart
Hallerplatz 8
20259 Hamburg

Öffnungszeiten:
Donnerstag bis Samstag 14:00 - 19:00 Uhr
sowie nach Vereinbarung

Können wir dem Vergessen entrinnen? Ermöglicht der immer gleiche, repetitive Prozess es, sich dem Schwinden von Erinnerung entgegenzustellen? In seinem jüngsten Werkzyklus verhandelt Sven Scharfenberg (*1989) auf künstlerisch-poetische Weise Defekte kognitiver Gedächtnisleistungen.

Eine Plastikrose – Wegwerfgegenstand und fahles Abbild verblichener Hoffnungen – war der Ausgangspunkt der gezeigten Malerei-Serie. In vielfacher Variation wird sie malerisch in unterschiedliche Fragmente aufgeschlüsselt. Der Grad der Abstraktion variiert, schwarze Flächen wirken mehr wie Gesteinsschichten denn wie florale Elemente. Das monochrom-weiße Gegenbild dagegen weckt Assoziationen an alte Schwarzweißfotografien. Eine in Grüntönen gehaltene Blüte verschwindet hinter dem trüben Schleier lasierend aufgetragener Pinselstriche. Längst ist die artifizielle Plastikrose natürlichen Exemplaren gewichen: Verblühte Knospen, von denen nur noch die äußeren Kelchblätter zeugen liefern Sinnbilder von Vergänglichkeit. 

Jedes einzelne Werk der Ausstellung bildet einen spezifischen Zustand, Blickwinkel, ein Stadium ab. Die formal-ästhetischen Entscheidungen lassen das dargestellte Bildobjekt unmittelbarer oder in eine diffuse Ferne gerückt erscheinen, ohne den Gesamtkontext ließe sich die Rose oftmals kaum erkennen. Das Verschwinden des Bildgegenstands in seiner Fragmentierung ist dabei Konzept. Das kulturhistorisch überfrachtete Motiv ist Sinnbild einer persönlichen Introspektion.

Autobiografisch motiviert stellt die serielle Reproduktion eines einzigen Sujets den Versuch dar, die Demenz-Erkrankung mehrerer Personen aus dem engsten familiären Umkreis zu begreifen, zu verstehen, zu verarbeiten. Wann erkennen wir das Dargestellte und wann wird es uns fremd? Wie muss es sich anfühlen, die Welt zu sehen und doch nicht mehr zu verstehen, orientierungslos zu werden im dumpfen Nebel eines unentrinnbaren Verlöschens? 

Sven Scharfenbergs Bilder erscheinen als Versuch, den Moment festzuhalten einerseits und als visuelle Annäherung an das abstrakte Phänomen der Alzheimer-Erkrankung andererseits. 1,84 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Demenzerkrankung, die meisten von ihnen sind von Alzheimer betroffen. Allein 2023 sind 64.000 und 445.000 Menschen neu an Demenz erkrankt1. Der Rose als einst christlichem Motiv der Reinheit der Muttergottes, der Liebe aber auch des Schmerzes von Christus am Kreuz, sind kulturhistorisch vielfache assoziative Bedeutungen inhärent. Sie ist – je nach Farb, Kontext und Kulturkreis – Liebeserklärung, Symbol des Friedens, der Freundschaft aber auch des Abschieds. Sven Scharfenberg fügt dieser Mehrdeutigkeit weitere inhaltliche Komponenten hinzu. Das Bild, das seine Rosen letztlich zeichnen changiert zwischen formalen Assoziationen an klassische Blumenstillleben, barocke Vanitas-Symbolik, der kompositorischen Nähe zu älteren Malereien Scharfenbergs, in welchen scharfe Diagonalen dominieren, aber auch zum nahsichtigen Bildaufbau der Blumenmotive einer Georgia O’Keefe. „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose2“ schrieb Gertrude Stein 1913 und meinte damit: Die Dinge sind, wie sie sind. Aber wir können den Umgang mit ihnen erlernen. 

Anne Simone Kiesiel

1 https://www.deutsche-alzheimer.de/artikel/deutsche-alzheimer-gesellschaft-stellt-neue-zahlen-zur-demenz-vor-in-den-kommenden-jahren-immer-mehr-menschen-betroffen

2 Gertrude Stein: Rose is a rose is a rose is a rose. In: "Sacred Emily" (1913), collected in:Geography and Play, Boston 1922), S. 178-188.